Aus der Geschichte einer Stadt
Zahlreiche Spuren und Zeugnisse aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit beweisen, dass auf dem Gebiet der Gemeinde Pocking schon früh eine Besiedlung war.
Während der Jüngeren Steinzeit (3500 -1800) - hat dieser Raum günstige Voraussetzungen für Siedlungsaktivitäten aufzuweisen. Das Fragment einer Steinaxt und ein Grabfund aus Pocking-St. Georg sind Zeugnisse dieser und der folgenden Bronzezeit. Ein Griffdornmesser von der Königswiese, ein Bronzegehänge von Erben und ein Bronzehelm von der Pockinger Heide gehören zu den bedeutendsten Einzelfunden der älteren Urnenfelderzeit. Eine grosse Zahl von Grabhügeln, teilweise jedoch weitgehend eingeebnet, zeugt von früher Be-siedlung in der Nähe von Zell, Schönburg, Rutzing und Veicht. An die keltische Vergangenheit erinnert eine Viereckschanze mit 70m Seitenlänge bei Hub, eine Anlage, die wahrscheinlich nur keltischen Zwecken diente.
Seit 1951 gibt eine beträchtliche Anzahl von Funden Aufschluss über den bis dahin unbekannten Römerort. Demnach handelt es sich um eine grössere dörfliche Siedlung entlang der Indlinger Strasse, die auch "Hochstrasse" genannt, wahrscheinlich römischen Ursprungs ist und teil einer - allerdings bisher recht lückenhaft nachgewiesenen - westlich des Inn gelegenen Strassenverbindung zwischen Salzburg und Passau sein könnte.
Die Siedlungstätigkeit ist durch Funde, besonders durch Münzen, bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts festzustellen. Nach wiederholten Germaneneinfällen bricht die römische Grenzverteidigung immer mehr zusammen; vor diesem Hintergrund ist die Zerstörung der Ansiedlung von Pocking durch einen Alemannenzug um das Jahr 252 n.Chr. zu sehen. Aus der spätrömischen Kaiserzeit wird uns nichts überliefert; die römische Herrschaft über Süddeutschland geht im 5. Jahrhundert vollends zu Ende. (Römische Funde aus Pocking in der ständigen Ausstellung der Prähistorischen Staatssammlung München, ein kleiner Teil in der Hauptschule Pocking).
In den ersten Jahrzehnten des 6. Jahrhunderts setzen sich die Bajuwaren, ein Stamm von heterogener ethnischer Zusammensetzung, im Land südlich der Donau durch.
1964 wurden bei Kanalarbeiten an der Simbacher Strasse bajuwarische Reihengräber angeschnitten, aus denen neben Knochen auch als Grabbeigabe ein Kurzschwert geborgen werden konnte. Der zu Beginn des Jahres 1978 in einem Neubaugebiet gegen Schlupfing freigelegte Friedhof stammt vermutlich aus dem frühen 6. Jahrhundert; die Grabbeigaben - wie Lanzenspitzen, Dolchklingen, Kurzschwerter und ein Schild - bedürfen noch einer genauen Untersuchung. Das ausgedehnte Reihengräberfeld mit ca. 500 Gräbern wurde um 1900 bei Inzing erschlossen.
Die erste urkundliche Erwähnung erfährt Pocking im Jahr 820 in den Traditionen des Klosters Mondsee, als ein Pehrthelm seinen Besitz in Pocking eben diesem Kloster zum Geschenk macht. Bereits 788 hat Kloster Mondsee von Herzog Tassilo III. Besitzungen in Berg übereignet bekommen. Der älteste und frühest urkundlich belegte Ort der Gemeinde jedoch ist Inzing: 774 schon wird es als "villa publica" (Staatsgut) erwähnt. Noch vor 800 tagen hier Königsboten Karls d.G. und 848 tritt König Ludwig der Deutsche als Eigenkirchenherr der Kapelle in Inzing auf. Bis zum 14. Jahrhundert werden fast alle im Gemeindegebiet liegenden Ortschaften erstmals urkundlich genannt.
Die Herrschaftsverhältnisse während des Mittelalters bis in die Neuzeit herein erweisen sich auf dem Gebiet der Gemeinde Pocking als äusserst vielgestaltig. Kirche, Herzog und Adel sind auch in unserem Raum die bestimmenden Kräfte, die durch Grundbesitz und Herrschaftsrechte die staatlich politische Erscheinungsform über Jahrhunderte prägen.
Der hohe Adel und seine Ministerien sind im Hochmittelalter oft Gründer von Klöstern, die ihr Stiftungsgut häufig bis zur Säkularisation 1803 erhalten können. Nach den Konskriptionen des Pfleg- und Landgerichts Griesbach von 1752 haben folgende Klöster zu diesem Zeitpunkt Besitzungen in der Gemeinde Pocking; Vornbach, Asbach, St. Salvator, St. Nikola, Berchtesgaden, Reichenbach, Vilshofen, Mattighofen, Reichersberg und Suben. Als bedeutender geistlicher Grundherr kommt dazu noch das Passauer Domkapitel.
Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts erhält der bayerische Herzog durch die Ausschaltung der Grafen von Ortenburg und mit dem Erwerb der Burg Neuburg auch in unserm Raum eine wachsende Bedeutung. Neben Grundbesitz gehen vor allem Gerichts- und Vogtrechte, u.a. der Klöster Vornbach, St. Nikola, Mondsee und des Domkapitels Passau auf den Herzog über. Eine Sonderstellung nimmt Hartkirchen ein. Als Pfarrei bereits Mitte des 12. Jahrhunderts erwähnt, verdankt es seinen Aufstieg jedoch der Verleihung der Marktrechte und den Herren von Julbach, die eine kleine reichsunmittelbare Herrschaft errichten können. Als sie in finanzielle Bedrängnis geraten, wird die Herrschaft Julbach und damit auch der Markt Hartkirchen an den bayerischen Herzog verkauft.
Neben der Kirche und dem Herzog tritt der Adel bis zum 13. Jahrhundert immer stärker in den Vordergrund. Adelige Herrschaft hat sich bis ins 19. Jahrhundert in den Hofmarken Pocking, Eggersham, Schönburg, Inzing und auf dem Sitz Rohr gehalten. - Die Hofmarken sind vielfach aus den Sitzen des niederen Adels hervorgegangen. Äusseres Kennzeichen der Hofmark ist die Burg, das Schloss, wichtigstes Herrschaftsinstrument sind die Hofmarksrechte, die der Besitzer der Hofmark ausübt. In ihrem Umfang sind sie von Jahrhundert zu Jahrhundert unterschiedlich; nicht früher als im 16. Jahrhundert werden sie durch Landes- und Polizeiordnung genau festgelegt. Sie umfassen u.a. die Polizeigewalt, das Steuereinhebungsrecht, das Recht Scharwerk zu fordern, die freiwillige Gerichtsbarkeit und die Musterung der wehrfähigen Männern. Die ältesten bekannten Inhaber der Hofmark Pocking sind die Rottauer, ein häufig genanntes Ministerialgeschlecht. Unter den Rottauern wurde auch die Ulrichskirche in Pocking 1491 neu gebaut. Das Wappen der Erbauer wurde im Chorraum bei Renovierungsarbeiten freigelegt. Noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erlischt das Geschlecht. Schloss Rottau wechselt in der Folgezeit verschiedene Besitzer, bis es in den letzten Jahren des Dreissigjährigen Krieges zerstört wird. Über Erasmus Nußdorfer zu Tissling geht die Hofmark Pocking 1558 auf die Herren von Paumgarten auf Ering über. Als die Paumgarten 1701 auch das Schloss Pillham erwerben, errichten sie dort ein eigenes Patrimonialgericht und unterstellen diesem im Anfang des 18. Jahrhunderts auch die Hofmark Pocking. - Über den Verbleib des zur Hofmark gehörenden Schlosses ist nichts bekannt. Philipp Apian zeichnet noch 1568 auf einer seiner bayerischen Landtafeln ein Herrschaftsgebäude mit einem Kennzeichen als Schloss/Burg bei Pocking ein und schreibt im Text auch von einer "Burg am Ausbach". Bereits 1597 heisst es jedoch in einer Beschreibung der Hofmark des Gerichts Reichenberg: "Pogkhing, Hofmark, hat für die Hofmarkherren keine Residenz". Es muss daher angenommen werden, dass das Schloss noch im 16. Jahrhundert zerstört worden ist.
In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts taucht Schönburg als Sitz der Herren von Schönburg auf, die bis ins beginnende 17. Jahrhundert im Besitz des Ortes und der späteren Hofmark bleiben. Das heute noch bestehende Schloss wird 1676 bis 1680 gebaut. (wening, L 76). 1694 geht die Hofmark an die Freiherren von Closen zu Gern und Arnstorf über, in deren Besitz sie bis zu ihrer Aufhebung bleibt. 1752 gehören ausser dem Sitz Schönburg noch über 60 Anwesen, von denen über 50 ausserhalb lagen, zur Hofmark. Besitzer des Schlosses sind im 19. Jahrhundert die Grafen von Leyden, seit 1876 die Grafen Arco-Zinneberg, die es vor einigen Jahren verkauften. Als Grundherren in Inzing treten seit dem 11. Jahrhundert die Grafen von Vornbach und das Passauer Domkapitel auf. Vom späten 14. Jahrhundert lassen sich verschiedene Besitzer der Hofmark nachweisen. 1752 gehören zur Hofmark Inzing und der mit ihr verbundenen in Engertsham 18 1/2 Anwesen.
Durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 werden alle geistlichen Güter eingezogen. Die Voraussetzungen zur Bildung der politischen Gemeinden werden mit den Gemeindedikten von 1808 und 1818 geschaffen, auf deren Grundlage die Gemeinden Pocking, Hartkirchen, Indling und Kühnham entstehen. Die letzten Reste adeliger Herrschaft für einzelne Güter der Gemeinde bleiben in verschiedenen Patrimonialgerichten bis zum Jahre 1848 erhalten. Danach ist allein das Landgericht zuständig.
Die politischen Gemeinden Pocking, Hartkirchen, Indling und Kühnham bestanden ohne grössere territoriale Veränderungen fast eineinhalb Jahrhunderte lang. Im Zuge der Gemeindegebietsreform schlossen sie sich 1971 freiwillig zur Grossgemeinde Pocking zusammen.

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